Dans la rue

Wer einmal länger als zwei Wochen in Frankreich war, weiß: die Franzosen lieben den Streik – la grève – und die Demonstration – la manifestation – auch liebevoll „manif“ genannt. Kaum eine Woche ist bisher hier vergangen, ohne dass irgendjemand wegen irgendetwas auf der Straße war. Zurzeit sind es die Studenten und Professoren. Tausende defilieren durch die Straße in Paris, in Toulouse, hier in Bordeaux. Sie demonstrieren gegen die Reform der Universitäten, gegen Stellenstreichungen. Wie in Deutschland geht die Angst um vor einer Privatisierung der Universitäten, ihrer Verwirtschaftlichung. Aber im Gegensatz zu den eher beschaulichen Protesten in Bonn, füllt hier eine beachtliche Menge an Studierenden die Straßen. Sie kämpfen für eine freie Uni, für eine öffentliche Uni, für eine Uni als Biotop der Ideen, in dem auch seltene Pflänzchen, geisteswissenschaftliche Nischenfächer eine Überlebenschance haben. Aber sie bringen auch eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit Sarkozy zum Ausdruck, der gerade im studentischen Milieu als wirtschaftliberal, als Macht besessen, als Teil des Problems der Wirtschaftskrise, nicht als Teil ihrer möglichen Lösung gesehen wird. Und sie zelebrieren die französische Lust am Prostest, die nicht zum ersten Mal eine Regierung zum Einlenken zwingen würde, was der Grande Nation den Ruf der Unreformierbaren beschert hat.
Trotz der beachtlichen Menge an Professoren und Studenten, die durch Bordeauxs Straßen marschieren, verläuft die Demonstration sehr ruhig. Nur zaghaft ertönen die Schlachtrufe, keine Steine fliegen, keine Autos brennen. Fast enttäuscht stelle ich fest, dass das hier kein kleines Paris 1968 ist.
"La faculté, elle est publique !
On s'est battu pour qu'elle le soit on se battra pour qu'elle le reste !
La faculté, elle est publique !"
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