Machu Picchu - „The cheap way“
Viele Touristen kommen allein aus dem Grund nach Peru, um Machu Picchu zu sehen – die geheimnisvolle Inka-Stadt zwischen den Berggipfeln 75 Kilometer nordwestlich von Cusco, dem einstigen Zentrum des Inka-Reichs. Das Gelände um die erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Stadt, deren Erbauungszeit und Funktion unbekannt sind, ist schwer zugänglich. Deswegen ist eine Tour nach Machu Picchu teuer. Allein der Zug nach Aguas Calientes, dem kleinen Ort im Tal und Ausgangspunkt für die Besichtigung, kostet etwa 65 Euro. Organisierte Touren, die dann auch nur einige Stunden auf Machu Picchu verbringen, über 100 Euro. Und dann gibt es für den abenteuerlustigen Touristen mit kleinem Budget noch „Machu Picchu - the cheap way“. Dafür entscheiden wir uns: drei deutsche Mädels und eine Australierin, die eine vage Wegbeschreibung hat – mit dem Colectivo (Minibus) nach Santa Maria, dann nach Santa Teresa, dann zur „Hidroeléctrica“ (einem Wasserwerk), dann zu Fuß an Zugschienen entlang nach Aguas Calientes.
Wir kaufen uns also am Vortag schon einmal Tickets nach Santa Maria. Pünktlich um 6 Uhr Morgens wollen wir los, weswegen wir uns ausdrücklich mehrere Male versichern, dass der Bus auch wirklich um 6 abfährt und nicht wartet, bis er voll ist. Wir stehen also am Dienstag morgen pünktlich um 6 auf der Matte. Der Bus fährt natürlich nicht. Die nächsten anderthalb Stunden verbringen damit zu warten und uns zu beschweren. Wenigstens dürfen wir Zeugen eines einmaligen Naturschauspiel werden: sobald ein Taxi sich den wartenden Busse nähert, sprinten 10 Headhunter verschiedener Busunternehmen los, verfolgen das Taxi; steigt jemand aus, versuchen sie die Person am Ärmel zu ihrem Bus zu ziehen, bedrängen sie von allen Seiten. Ab und zu schnappt sich einer ganz einfach das Gepäck aus dem Kofferraum des Taxis und verschleppt es. Faszinierende Spezies, diese Peruaner!
Endlich, um halb acht, ist unser Achtsitzer dann voll besetzt und es kann losgehen. Erst jetzt eröffnet man uns, dass es ja eh keinen Sinn gehabt hätte vorher loszufahren, weil ja auf der Strecke eine Baustelle sei und die sei bis 12 Uhr 30 geschlossen. Hätte man uns das gestern gesagt, wären wir nicht um 5 aufgestanden, hätte man uns das morgens direkt gesagt, hätten wir uns weniger beschwert. Aber gut, manche Dinge laufen hier eben anders als zu Hause und das ist ja auch gut so.
Schöne Landschaft, fiese Serpentinen
Es folgen gefühlte endlose Stunden (tatsächlich: 4) Fahrt über Serpentinen. Unser Fahrer zelebriert einen typisch südamerikanischen Fahrstil: obwohl die Straße schmal ist und die Kurven eng, fährt er schnell und bremst mit Vorliebe heftig mitten in der Kurve. Uns allen ist sterbensübel und wir denken an den Touristenzug, der nach Aguas Calientes fährt, und das 65 Euro doch eigentlich gar nicht so viel Geld sind. Außerdem unterhalten uns die Einheimischen, die mit uns unterwegs sind, mit 80er Jahre Musik und sich wiederholenden Fragen über unseren Aufenthalt in Machu Picchu und unsere Heimatländer (Wie lange bleibt ihr in Machu Picchu? Wie viele Nächte? Wie viele Tage? Von wann bis wann? Gibt es Regenwald in Deutschland? Gibt es Bananen in Australien? Existieren eure Eltern?) Über die zwei Stunden Pause vor der Baustelle sind wir ganz dankbar.
Wann hören diese Serpentinen endlich auf? Foto: Julia
In Santa Maria, einem unscheinbaren Ort mitten im Nirgendwo, finden wir sofort eine Colectivo, der uns nach Santa Teresa, einem noch unscheinbareren Ort noch weiter im Nirgendwo, und von dort sogar sofort zur „Hidroelectrica“ bringt. Der Minibus ist eine Schrottkarre, dreimal halten wir an, weil irgendetwas an der Achse nicht stimmt und repariert werden muss. Alles klappert. Die Straße kann mit der berühmt-berüchtigten „Death Road“ in Bolivien allemal mithalten: sie ist schmal, steinig, links fallen die Felsen senkrecht ins Tal. Ängstliche Fahrgäste sollten darauf verzichten, aus dem Fenster zu schauen.
Um 16 Uhr, später als geplant, kommen wir an den Schienen an. Laut Aussage unseres Fahrers dauert der Fußmarsch bis Aguas zwei Stunden, wenn man gemütlich geht. Wir tun uns mit den fünf anderen Touristen aus unserem letzten Colectivo zusammen und rennen förmlich nach Aguas und brauchen trotztdem über zwei Stunden. Als wir ankommen, ist es bereits dunkel. Direkt am Ortseingang gabelt uns ein Hostel-Scherge auf. Wir wehren uns nicht, 15 Soles (4 Euro) sind ein guter Preis und das Zimmer sieht in Ordnung aus. Feuchtigkeit, Gestank, krähende Vögel und Hähne, laute Musik und Hämmern machen sich dann erst in der zweiten Nacht bemerkbar.
Am nächsten Morgen stellen wir uns um halb fünf an, um Karten für den Bus nach Machu Picchu zu kaufen. Der Andrang ist wesentlich geringer als erwartet und wir haben keine Probleme, Plätze in einem der ersten Busse um halb sechs zu ergattern. Eine sich den Berg hochschlängelnde Straße, ein paar Minuten anstehen, ein paar Treppenstufen: dann liegt die Inka-Stadt vor uns. Gerade geht die Sonne auf, noch verhüllen vereinzelte Nebelwolken geheimnisvoll Teile der Ruine. Alles an Machu Picchu ist beindruckend: die Lage in einer leichten Senke zwischen die Gipfeln des Machu Picchu Bergs und des Wayna Picchus, die reine Größe, die Art, wie die Gebäude gemauert sind: ohne Mörtel, präzise Stein an Stein angepasst, der Blick in die umliegenden Täler. Apropos: beim Blick in die umliegenden Täler entdecken wir die Hidroeléctrica, die Eisenbahnschiene: wir sind am Vortag eine komplette Schleife um Machu Picchu herum gelaufen, ohne es zu bemerken. Fast 10 Stunden genießen wir Machu Picchu aus allen erdenklichen Perspektiven (und schießen Fotos aus eben diesen), dann steigen wir ins Tal ab, zurück nach Aguas Calientes.
Sonnenaufgang
Mauer, mit integriertem Felsen
Ausblick von Intipunku (Sonnentor) Foto: nette grell blondierte Australierin mittleren Alters
Ganz schön steil! Foto: asiatisch aussehender junger Mann
Am nächsten Morgen treten wir den "Heimweg" nach Cusco an, natürlich wieder auf die billige Art und Weise. Beim Rückweg entlang der Zugschienen erhaschen wir einige Blicke auf Machu Picchu. Jetzt wissen wir ja, wo wir schauen müssen. Sie ist wirklich gut versteckt, diese riesige Ruine; kein Wunder, dass sie erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt wurde. Auch die Landschaft könne wir jetzt mehr genießen: den Fluß, der über große weiße Felsbrocken strömt, die Bananenpflanzen am Wegesrand, die steilen, grün bewachsenen Felsen.
Keine Fußgänger! Plus zwei Straßenköter, die uns den ganzen Rückweg begleiten.
An der Hidroeléctrica wartet schon ein Colectivo, der uns nach Santa Maria bringt. Dort gibt es leider viele Reisende die nach Cusco wollen, aber keine Busse – wegen der Kommunalwahlen am Wochenende, verrät man uns. Und wir müssen jetzt sofort los, weil sonst die Baustelle schließt und erst abends spät wieder aufmacht. Was tun? Plötzlich kommt ein etwas größerer Colectivo, ein 20-Sitzer, um die Kurve. Alles springt auf und rennt. Wir natürlich auch. Und, welch Glück, wir ergattern die letzten Sitzplätze. Der Fahrer fährt vernünftig und so erscheinen uns die Serpentinen nicht mehr ganz so übel. Nach drei anstrengenden, abenteuerlichen aber sehr lustigen Tagen – vor allem auch wegen der tollen Begleitung – erreichen wir abends verschwitzt, müde, von Mücken zerstochen, hungrig aber glücklich Cusco.





